"Wort zur Woche" vom 13. Oktober 2018

   Annegret Pfirsch, Gefängnispfarrerin

Neues aus der Anstalt! Eine Geschichte, über die ich mit den Teilnehmern der Bibelgruppe in der Justizvollzugsanstalt Kempten gesprochen habe.
Bei uns geht es ganz viel um Leid, und um riesige Schuld. Aber auch darum geht es, dass Menschen versuchen, sich dieser eigenen Schuld zu stellen und sie nicht nur zu verdrängen. Und immer stellt sich die Frage, wie Leben weitergehen kann – für die Opfer, für die schuldig Gewordenen. Ob es eventuell sogar zu einer Versöhnung zwischen schuldig Gewordenen und ihren Opfern oder deren Angehörigen kommen kann?
Es ging um einen jungen Mann namens Josef: Lieblingskind seines Vaters Jakob, obwohl zweitjüngster eine herausgehobene Stellung, sehr eingebildet, der Hass seiner Geschwister, ein Mordkomplott, Verkauf in die Sklaverei nach Ägypten. Dann zu Unrecht inhaftiert.
Von allen vergessen? - Nein, von Gott nicht vergessen.

Dann der steile Aufstieg zum zweitmächtigsten Mann im Staat. Das wäre schon eine Schlagzeile wert.
Und die Familie Josefs? Wir erfahren vom großen Schmerz des Vaters, der nicht getröstet werden kann.
Wir erfahren von einer Hungersnot, die die Familie wieder mit Josef zusammenbringt. Die zahlreiche Familie des Josef siedelt sogar in Ägypten an – als Hungerflüchtlinge.

Warum lässt Josef das alles zu? Warum verweigert er nicht einfach den Brüdern, die ihm so großes Leid angetan haben, die Einreise?
Wie hält er das Zusammenkommen mit seinen Brüdern aus? Ist es gar möglich, dass er ihnen wirklich vergeben kann? Oder toleriert er ihre Anwesenheit nur solange, wie der alte Vater Jakob noch lebt? Wird er sich nach dessen Tod – endlich – an seinen Brüdern rächen?
Die Brüder erwarten das jedenfalls, können sich eine Versöhnung kaum vorstellen.
Aber Josef sieht es anders. Er hat die langen Jahre der Trennung von seiner Familie – trotz all der negativen Erfahrungen – erlebt als eine Zeit, die von Gott gesegnet ist. „Der HERR aber war mit Josef“ heißt es nicht nur einmal.
Josef kann vergeben: „Ihr zwar habt Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet.“ (Genesis 50,20)

Die Josefsgeschichte zeigt uns, in allem, was wir erleben, tiefer zu sehen. Gott will das gute Ende.
Vielleicht verlieren dann die gegenseitigen Schuldzuweisungen auch bei uns ihre ausweglose Bedeutung. Die Frage ist, wie wir damit umgehen, ob wir vor ihnen davonlaufen oder ihnen standhalten.
Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben: “Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“
Josef war so ein Mensch – vielleicht können wir es auch sein – im Vertrauen auf Gott!

Ihre Gefängnispfarrerin Annegret Pfirsch.



Zum Bild: Ikonenmalkurs in der JVA Kempten (Foto: JVA Kempten)
… auch so etwas ist im Gefängnis möglich: Mit Unterstützung eines ehrenamtlichen Mitarbeiters haben sich einige der Inhaftierten stundenlang und über mehrere Wochen lang mit dem „Schreiben“ einer Ikone beschäftigt. Die Ergebnisse haben sich wirklich sehen lassen können.