Auf einem Stapel erhörter Gebete

 

Ich sitze auf einem Stapel erhörter Gebete. Was tun damit? Ja, ich habe viel gebetet in jenen März-Tagen, als die Corona-Gefahr wie eine Welle auf uns zurollte und alles lahmlegte. „Bitte lass meine Mutter nicht krank werden. Hilf, dass wir als Familie gesund bleiben mit allen Omas und Opas. Verschon uns vor dem großen Sterben! Das Heulen der Rettungswagen Tag und Nacht, das verzweifelte Personal in den überfüllten Krankenhausgängen, die LKWs voll gestapelter Särge – all die Bilder, die wir aus Bergamo zu sehen bekamen – bewahre uns, Gott, davor!“

Und jetzt steh ich da und staune: Ja, ich bin erhört worden. Ich sitze auf einem Stapel erhörter Gebete!

Geht es nur mir so? Das glaube ich nicht. Immer, wenn wir unsere Glocken um 17:10 Uhr geläutet haben, kamen Menschen an ihre Fenster und auf den Platz vor der Kirche. Auch sie haben gebetet. Bestimmt gab es auch viele, die das Beten mal wieder für sich ausprobiert haben. Meine Vermutung: Viele sitzen auf Stapeln erhörter Gebete! Was macht man jetzt damit?

Was nicht geht: Auf so einem Stapel erhörter Gebete sitzen und im Nachhinein die eigene Angst mit Verschwörungstheorien oder Schuldzuweisungen vertuschen zu wollen. Und auch das geht nicht: Sich jetzt nur noch auf die eigene Schulter klopfen und auf andere herabsehen. Im Gegenteil: Ein Stapel erhörter Gebete ist immer ein Aussichtspunkt, um jetzt nach denen zu schauen, die meine Fürbitte, meine Anteilnahme und meine Hilfe brauchen.

Früher hat man auf Stapeln erhörter Gebete Kirchen gebaut, für Arme und Kranke Stiftungen gemacht, für weltweite Hilfe gespendet und Dank-Gottesdienste gefeiert. Was heute tun? Der, der unsere Gebete erhört, will keine „Gegenleistungen“. Vertrauen ist die Währung, die bei Gott zählt. 

Runter vom Stapel und neu mutig ins Leben! Aber mit einer Erinnerung, die ich nicht verpuffen lasse: Ja, da oben hört mich einer. Da oben ist einer, dem mein Vertrauen heilig ist und der dieses Vertrauen nicht enttäuscht. Nach dem Gebet ist vor dem Gebet! - oder wie die Bibel sagen würde: „Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten und Du sollst mich preisen!“ (Psalm 50,15).

Ihr Jörg Dittmar, Dekan