Bleiben Sie gesund!

Jedes Mal zucke ich zusammen bei diesem Abschiedsgruß: „Bleiben Sie gesund!“ Ja, ich weiß - ist gut gemeint. Aber es ist halt doch ein Befehl. Soll ich mit Hand an der Mütze salutierend antworten: „Jawohl! Ich werde mich an alle AHA-Regeln halten, mich gesund ernähren und alle Kranken meiden!“?  Zugegeben: Dieser Pandemie-Gruß ist mir selbst auch schon rausgeruscht. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto übler find ich ihn.

Was Menschen, die sich mit körperlichen Einschränkungen und Krankheiten herumschlagen müssen, schon länger wussten, ist 2020 weltweit eine „neue“ Erkenntnis: Das „Gesundbleiben“ ist nicht machbar und kann auch nicht mit viel Geld gekauft werden, so sehr wir es auch versuchen. Das heißt dann aber auch: Kranksein ist keine Schuld und schon gar keine „verdiente“ Strafe. Auch an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und unwissentlich und unwillentlich andere angesteckt zu haben, rechtfertigt weder „shitstorms“ noch „hater“-Mails. Die große zivilisatorische Idee des Jesus von Nazareth war, dass man die Themen „Krankheit“ und „Schuld“ sauber auseinanderhalten muss.

Geht uns das gerade wieder verloren? Immerhin drehen sich in diesen Zeiten die Dinge sehr schnell: Wer heute auf andere zeigt, kann morgen schon froh sein, wenn Ärzte oder Pflegekräfte überhaupt noch Zeit für ihn haben.

Ich finde: Es ist an der Zeit aus hysterischen Schuldzuweisungen in alle Richtungen zu einer Haltung der Tapferkeit zurückzukehren, die ein Schicksal als Aufgabe schultert und um die eigenen Grenzen weiß. So wie wir Menschen das Wetter nicht machen, aber den Klimawandel durchaus noch aufhalten können, so können wir uns und andere vor Covid-19 schützen. Aber „Gesundbleiben“ liegt nicht in unserer Hand. Da braucht´s eine höhere Instanz.

„Gott schütze Dich!“ ist eine mutige, freilich fromme Abschiedsgruß-Alternative. Das darf man Gott zutrauen, würde Jesus Christus sagen und würde Mut machen: „Für Gott ist nichts unmöglich. Gott schenkt und schützt Gesundheit.“

Zugleich aber würde dieser Jesus uns von jedem Kreuz herab zuflüstern: „Ja, es gibt auch andere Wege, Wege der Krankheit und des Schmerzes. Und auch diese Wege geht Gott mit, sogar bis durch das Sterben hindurch.“

Der Mann am Kreuz oder das Kind in der Krippe – man kann seine Botschaft in ganz wenige Worte packen: „Fürchte dich nicht, alles wird gut!“

In diesem Sinne: Gott schütze Dich – an Leib und Seele!

Ihr Jörg Dittmar, Dekan