Die Zeit ist aus den Fugen…

„Die Zeit ist aus den Fugen…“ – Hamlet spricht diese Worte (1. Aufzug, 5. Szene), und er beklagt, derjenige zu sein, der es richten müsste („…Fluch der Pein, muss ich sie herzustelln geboren sein!“).

Er ahnt, dass er an dieser Aufgabe scheitern werde. Wir kennen den Ausgang dieses Shakespeare-Dramas, das beklagenswerte Ende Hamlets… „Der Rest ist Schweigen.“ (5. Aufzug, 2. Szene)

„Die Zeit ist aus den Fugen…“ – Dieses Jahr fühlt sich für viele so an. Und wir ahnen, dass wir es nicht einfach richten können. Das Leben, in dem sich viele von uns eingerichtet hatten, das Leben, das uns große Sicherheit gegeben hatte und mit dem wir vielleicht großteils zufrieden waren, ist aus den Fugen. Unser Alltag, wir selbst sind betroffen, wir können nicht mehr distanziert Bilder aus der weiten (und weit entfernten) Welt betrachten, die uns häufig nicht stärker betroffen haben als irgendein Krimi oder Kriegsfilm.

Wir sind betroffen und können nicht mehr die Augen verschließen – und wir tun uns schwer, mit dieser großen Unsicherheit umzugehen, den inneren Frieden nicht zu verlieren oder ihn wiederzufinden.

Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen. Ab heute zählen wir rückwärts, wie ein Countdown, vom Ende her, vom Ewigkeitssonntag her: Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr.

Es ist gut, dass wir gezwungen werden, die Blickrichtung zu ändern, damit nicht der Rest Schweigen ist.

Es tut mir gut, ganz neu auf meine Zeit, die aus den Fugen ist, zu schauen und mich ganz bewusst auf Worte des Apostels Paulus einzulassen, die er vor fast 2000 Jahren an die junge Gemeinde in Thessalonich geschrieben hat: „Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau... Ihr alle (aber) seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages… So lasst uns nun nicht schlafen …, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“ (aus 1Thess 5,1-11)

Lasst uns als „Kinder des Lichts und des Tages“ wachsam und nüchtern (vernünftig, aber nicht panisch) jeden Tag aus Gottes Hand annehmen, denn unsere Zeit steht in Gottes Händen (Ps 31,16).

Damit wir nicht daran verzweifeln oder gar scheitern, unser Leben zu leben, das Leben, das heute stattfindet, jedoch im „Licht“ des Kommens Gottes.

 

Eine gute Zeit, eine von Gott gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihre Gefängnispfarrerin Annegret Pfirsch