Fürchte dich nicht!

Pfarrerin Pfirsch bei der Amtseinführung/Berufung als Gefängnispfarrerin an der JVA Kempten 2008
Bildrechte: A. Pfirsich

Oft werde ich gefragt, warum ich Pfarrerin geworden bin. Eine Antwort ist gar nicht so einfach. Objektiv begründen kann ich es nicht. Ich kann auf kein eindrucksvolles Bekehrungserlebnis verweisen. Ich kann nicht objektiv beweisen, dass ich zur Pfarrerin berufen bin. Aber ich vertraue auf diese Berufung. Und bei meiner Ordination zur Pfarrerin (vor inzwischen 25 Jahren) wurde mir für meinen Weg ganz explizit Gottes segnende Nähe zugesprochen. Gott, der Vater Jesu Christi, hat jedem von uns und auch mir zugesagt: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.“ (Jeremia 1,8) 

Das wurde dem Propheten Jeremia vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden zugesprochen. Er sah sich vor Aufgaben gestellt, an denen er zu zerbrechen drohte. Er war von Gott berufen: „Bevor ich dich im Mutterleibe bereitete, kannte ich dich, bevor du von der Mutter geboren wurdest, sonderte ich dich aus. Zum Propheten für die Völker setzte ich dich ein… wohin auch immer ich dich sende, dorthin sollst du gehen, und was auch immer ich dir gebiete, sollst du reden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ICH bin bei dir. Ich werde dich erretten.“ (Jeremia 1,5.7b.8)

Freiwillig macht man das nicht, es ist kein angenehmer oder schöner Beruf und geht weit über das hinaus, was Pfarrersein bedeutet. Es geht bis an den Rand dessen, was ein Mensch überhaupt aushalten kann. Positives und Negatives; das, was Tod bedeutet, und das, was Leben bedeutet, all das muss der Prophet verkünden. Er kann nichts schönreden: Unangenehme Wahrheiten muss er sagen, Gericht und Unheil ankündigen, sogar das Ende, selbst wenn ihm seine Mitmenschen nach dem Leben trachten.

Doch Gott lässt Jeremia nicht allein: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir.“ (1,8) Nichts wird von der Schwere des Auftrags weggenommen. Aber Jeremia wird tragen können, was auf ihn zukommt. 

Ich weiß allerdings nicht, ob es für Jeremia jemals unwiderruflich feststand, dass er die Schwere seines Auftrages tatsächlich wird tragen können. Selbst sein Vertrauen auf Gott gerät ins Wanken. Seine Verzweiflung geht soweit, dass er sogar an Selbstmord denkt. Die Klagen, die Verzweiflung Jeremias sind uns überliefert. Aber immer wieder sind Aussagen des höchsten Vertrauens dagegengesetzt. Man spürt geradezu, wie Vertrauen auf Gott und Verzweiflung miteinander ringen. „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir.“

Ich bin froh, dass das ein Spruch des Gottes ist, der der Vater Jesu Christi und unser Gott ist. 

Ich wünsche mir und Ihnen allen, dass das Vertrauen auf, ja das Wissen um Gottes helfende und rettende Nähe auch in unserem Leben immer größer sein wird als alles, was in unserem Leben dagegensteht. 

Ihre Pfarrerin an der Justizvollzugsanstalt Kempten Annegret Pfirsch