Gedanken zum Sonntag

Umkehr-Schwung

von Dekan Jörg Dittmar, Evang.-Luth. Dekanat Kempten

Wir Allgäuer wissen das: Rechtzeitig umkehren kann über Leben und Tod entscheiden. Das macht eine erfahrene Bergsteigerin aus: Der Blick nach oben aufs Wetter, der Blick nach unten auf den Weg und das Gespür für die eigene Kondition. Alles zusammen bringt die Entscheidung: Weiter so oder besser umkehren und den Rückzug antreten. Fast immer ist der Rückzug klüger als ein „Augen-zu-und-durch“ oder ein „Hau-Ruck“, das sich oder anderen etwas beweisen will.

„Kehrt um, so werdet ihr leben!“ ist ein geistlicher Aufruf, den man in der Bibel immer wieder zu hören bekommt (z.B. Hesekiel 18,32). Frag Dich mal: Passt das noch so, wie ich lebe? Bin ich gefährlich unterwegs? Was sagt mir der Blick nach oben zu meinem Gott? Was sagt mir mein Körper: Bin ich gut mit ihm?

Oft begegne ich in der Seelsorge Menschen, denen ich Mut machen möchte: Passt! Bleib tapfer auf Deinem Weg! Um diese Freundschaft zu kämpfen, macht Sinn. Um diese Ehe zu kämpfen, macht Sinn. Sich Deinen Fragen und Zweifeln zu stellen, macht Sinn. Dann ist ausweichen, umkehren und davonlaufen keine Option.

Aber das gilt eben nicht immer. Wir leben in Zeiten, in denen uns allen das Umdenken aufgezwungen wird. Einfach weiter zu machen wie zuvor, geht nicht. Einfach mehr vom Gleichen haben wollen oder aufhäufen, ist keine Lösung. Unser Frieden ist bedroht, unser Wohlstand ist gefährdet, unsere Freiheit steht im Kampf und unsere natürlichen Lebensgrundlagen wenden sich gegen uns.
Niemand wird gerne zur Umkehr gezwungen. Aber aus guter und gesunder Einsicht können Menschen sehr wohl Sackgassen erkennen und aus ihnen neu starten. Das ist die Ur-Energie der Jesus-Bewegung, die das Christentum in die Welt getragen hat: Fürchte nicht das Eingeständnis eigener Fehler, fürchte nicht das Aufdecken von Lebens-Irrtümern, hab keine Scheu, Menschen neu und ohne Vorurteile zu begegnen. Das rettet Dein Leben und macht mutig und frisch.

Manchmal brauche ich einen Moment Zeit zum Aufatmen, Umschauen und In-mich-hinein-Horchen, bis so eine „Standort-Bestimmung“ gelingt. Meine Kirche nebenan ist ein guter Ort dafür. Und dort spüre ich manchmal noch mehr: die Zusage „Ich bin bei Dir, alle Tage bis an der Welt Ende!“

Allgäuer Zeitung, 2./3. Juli 2022