„Barmherzigkeit statt Spaltung" – Wort zum 4. Adventsonntag

Barmherzigkeit statt Spaltung
Das nun bald zu Ende gehende Jahr 2021 stand unter der Jahreslosung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36).

Ein Rückblick: Zu dieser Jahreslosung hat der Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zu Jahresbeginn geschrieben: „In diesem Pandemie-Jahr ist Barmherzigkeit eine zentrale Ressource, an der sich entscheidet, ob wir geschwächt oder gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgehen. Nicht darum kann es gehen, wortstark und mit Getöse uns Gehör zu verschaffen, um damit für unsere Freiheit zu streiten. Sondern um Barmherzigkeit und Mitgefühl: Sich in die Lage der 87-Jährigen in ihrem Seniorenheim (…) versetzen, oder in die Lage der Krankenschwester (…), die angesichts der vielen Covid-19-Kranken mit ihrer Kraft am Ende ist…“ – und ich möchte ergänzen: Sich auch in die Lage derer versetzen, die wirklich ganz existenzielle Angst haben, Angst davor, selber zu den wenigen zu gehören, die einen Schaden von einer Impfung davontragen. Und auch in die Lage derer, die gedacht haben, der Kelch ginge an ihnen vorüber, es würde nicht so schlimm werden, doch die dann auf der Intensivstation um ihr Leben ringen. Und genauso auch in die Lage derer, die krank werden und Gott sei Dank gut durchkommen. Denn all das ist Teil der Pandemie.

Es muss aufhören, dass wir uns gegenseitig in dieser Frage so sehr verurteilen, ja oft fast schon verachten.

„Wer einen Menschen verachtet, wird niemals etwas aus ihm machen können. Nichts von dem, was wir im anderen verachten, ist uns selbst ganz fremd. …Warum haben wir bisher vom Menschen, seiner Versuchlichkeit und Schwäche so unnüchtern gedacht? Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen. Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen (…) ist Liebe, das heißt der Wille, mit ihnen Gemeinschaft zu halten. Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.“ –Dietrich Bonhoeffer

Mich haben die letzten 1 ½ Jahre sehr nachdenklich gemacht: Da wurde so viel gestritten um richtig und falsch, um wahr und unwahr, man hat unterschiedlichste Quellen angeführt, um die je eigene Meinung zu untermauern, die Quellen des anderen wurden in Frage gestellt. So haben das glaube ich viele erlebt: Da ging und geht ein tiefer Riss durch einst gute Beziehungen: zu Freunden, Familien, Arbeitskollegen – wie in kaum einer anderen Frage.
Dabei gäbe es noch so viele brisante Themen, worüber wir trefflich streiten könnten: Klimawandel, Flüchtlingskrisen, Tierwohl, ja auch: woran wir glauben. Sie alle führen aber nicht in so tiefe Spaltungen und Zerwürfnisse wie die Pandemie.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Bald ist Weihnachten. Und ich frage mich: Warum kommt Gott nicht als starker, für Recht und Ordnung sorgender König in diese Welt – sondern als kleines wehrloses Kind? Weil ein kleines Kind uns zutiefst anrührt. Weil ein Kind Barmherzigkeit in uns weckt. Weil von einem Kind keine Gefahr ausgeht, es tut uns nichts, und wir dürfen ihm nichts tun. Wir müssen es schützen. Es trösten und ihm Geborgenheit schenken. Offensichtlich möchte Gott, dass wir uns von ihm – dem Kind in der Krippe – und auch dem unschuldig Gekreuzigten anrühren lassen, so tief anrühren lassen, dass wir dadurch barmherzig miteinander werden.

Ihre Pfarrerin Heike Steiger, Evang. Krankenhausseelsorge

„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung, 18./19.12.2021