Wort zum Jahreswechsel

Alles auf Anfang!
Eine neue Seite! Wie schön! Blütenweis oder wie frisch gefallener Schnee, in den noch niemand getreten ist. So liebte ich meine Schulhefte. Jetzt wollte ich mir neu Mühe geben und schön schreiben und nichts verklecksen. Meistens klappte das nicht und seltsam: auf der zweiten Seite ließ der Ansporn schon deutlich nach.

Neues Jahr, neues Glück, neue Seite? Soweit es an mir liegt, würde ich gern einiges anders und besser machen. Wie gut, dass der Wechsel der Jahre zu solchen Fragen drängt! Leider aber verfliegt die Anfangsenergie so leicht. Und dann kamen im letzten Jahr ja noch die Voll- oder Teilbremsungen durch die Pandemie dazu, die viele Menschen – mich auch –so müde und mürbe gemacht haben.

Hoffentlich startet 2022 trotzdem nicht ganz ohne Glanz, Zauber und das Gefühl, neu anfangen zu können. Was gute Vorsätze und den Wunsch betrifft, hier und da etwas im Leben zu verbessern, ist das Christentum übrigens deutlich gnädiger und großzügiger als viele denken. Viele meinen, die Christen müssten einen Stapel Regeln einhalten und die Latte, was alles zu erfüllen sei, läge so hoch, dass die meisten ohnehin lieber unten durchschlupfen.

Aber der christliche Glaube hat eine andere Idee: Silvester ist an jedem Abend und Neujahr an jedem Morgen! Die Schwelle von Rückblick und Loslassen steckt in jedem Gute-Nacht-Gebet. Und wer morgens den Fuß aus dem Bett setzt, beginnt an jedem Tag ein neues Jahr, ja ein neues Leben. Alte Fehler oder drückende Gewohnheiten waschen wir uns wie Schlaf aus den Augen. Neu schickt uns Gott in unser Leben und wird auch heute darin seine Spuren versteckt haben.

Übrigens: Dass täglich morgens Neujahr ist, verkünden all die Glocken bei uns im Allgäu, die früh den neuen Tag einläuten. Und auf der kleinen Morgenglocke der St.-Mang-Kirche in Kempten steht das sogar drauf: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ und „Das Christsein ist kein Sein, sondern ein Werden!“ (Martin Luther).

Gott segne Ihnen alle Tage in 2022!

Ihr Jörg Dittmar, Dekan


„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung, 31.12.2021/1.1.2022