Wort zum Sonntag: Lebens-Wunden

„Die Zeit heilt alle Wunden!“ – Tut sie das wirklich?“ Mit einem kleinen Mitarbeiterteam habe ich vor 20 Jahren Jungschararbeit gemacht. Ein junger Mann aus diesem Team kam immer einige Minuten zu spät zur Jungschar, wenn er mit mir zusammen für die Andacht zuständig war, so dass ich jedes Mal improvisieren und die Andacht ohne ihn gestalten musste. Seine Ausrede: „Ich musste heute leider länger arbeiten!“
Vor wenigen Wochen besuchte er mich und sagte: „Du, ich muss dir etwas gestehen. Als wir zusammen die Jungschar gemacht haben und ich des Öfteren zu spät gekommen bin, war nicht die Arbeit Schuld. Ich bin absichtlich zu spät gekommen, um die Andacht nicht halten zu müssen. Ich habe dich belogen, und das tut mir wirklich leid!“ – Und das nach 20 Jahren! Ich saß da und konnte mich kaum erinnern. Aber ich habe gemerkt, wie wichtig ihm diese Aussprache war.

Er hatte wohl gemeint, die Zeit würde diese Wunde heilen. Aber als er älter wurde, stand ihm seine Schuld immer deutlicher vor Augen, und seine Last wurde immer schwerer. So kam er im Grunde zur Beichte, ohne dass wir es so nannten, und brachte das, was ihn belastete, ans Licht. Durch meine Vergebung und die Gewissheit, dass auch Gott ihm vergeben hat, wurde er frei und erleichtert.  
Wie unrecht doch dieses alte Sprichwort hat, dass Zeit alle Wunden heilt. Sicher tut zeitlicher Abstand von aufregenden Ereignissen und ärgerlichen Momenten gut und rückt so manches in ein anderes Licht. Aber es gibt tatsächlich Lebens-Wunden, Angst und Einsamkeit, Schuld und Kränkung, die nicht dadurch heilen, dass wir sie der Zeit überlassen. Im Gegenteil, sie machen uns eher krank und kaputt. Und so, wie körperliche Brüche und Verletzungen unter die Hand eines guten Arztes gehören, so gehören auch unsere Lebens-Wunden unter die Hand dessen, der seinem Volk durch Mose hat sagen lassen: „Ich bin der Herr, dein Arzt!“

Wenn wir unsere Lebens-Wunden ans Licht der Liebe Gottes bringen und IHN die Wunden heilen lassen, dann werden wir wirklich heil, so wie es uns der Wochenspruch für die neue Woche zuspricht: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jer. 17,14) Und auch das kann ganz schön viel Zeit brauchen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche,
Ihr Pfarrer Sebastian Strunk
(Markuskirche - Altusried)