Keine Macht der Angst!

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31. Oktober 2017. Reformationstag. Musical im Festzelt auf dem St.-Mang-Platz anlässlich „500 Jahre Reformation“. Martin Luther singt: „Ich hab Angst, ich schaff das nicht. Angst, dass meine Welt zerbricht. Angst vorm Schachmatt bei jedem Zug. …“

31. Oktober 2020. Reformationstag. Kultur, Veranstaltungen, Feste, Begegnungen werden „runtergefahren“ oder abgesagt – aufgrund der aktuellen Corona-Situation. Nicht wenige – vielleicht viele Menschen denken für sich: „Ich hab Angst, ich schaff das nicht. Angst, dass meine Welt zerbricht. Angst vorm Schachmatt bei jedem Zug. …“

Angst.

Das Gefühl der Angst ist eine normale Reaktion auf Gefahr. Sie soll Menschen helfen, die Ursache der Gefahr auszuschalten oder ihr zu entkommen.

Auch die Angst vor dem Corona-Virus kann so Positives bewirken: Wenn sie zu einem Überlegen und dann Umsetzen führt, wie ich mich und andere schütze.

Sie ist ja nicht unberechtigt. Schwere Verläufe - auch tödlich endende – mahnen, sie ernst zu nehmen.

Andererseits hat Heike Klovert in ihrem Spiegel-Artikel vom 07.09.2020 meiner Meinung nach Recht, wenn sie schreibt: „Die Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken, übersteigt das Risiko, tatsächlich zu erkranken, häufig um ein Vielfaches.“

Gut lutherisch (ich denke an sein: „Selber denken!“) fände ich wichtig, in einer offenen, gerne kontroversen Diskussion die Maßnahmen der Eindämmung immer wieder an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu überprüfen. Das Aufstellen und Einfordern der Befolgung von Regeln mit der Eigenverantwortung jeder und jedes einzelnen abzuwägen. Sowie noch stärker als bisher zu fragen: Wer sind die Schwachen, die wir schützen wollen und müssen: Nur „die Alten“ und „gefährdete Gruppen“ – oder auch Menschen, die z.B. aufgrund der aktuellen Situation in Gefahr sind, in Depression zu rutschen, Kinder und Jugendliche, in ihrer Existenz bedrohte Menschen, ... .

Angst.

Aus unterschiedlichen Gründen kann Angst von uns so Besitz ergreifen, dass sie zu einer Erkrankung wird. Fachleute ermutigen in solchen Fällen sich (schrittweise) der Angst zu stellen. Angst aussprechen. Gesprächs- und Unterstützungsangebote anzunehmen. Um nach und nach der Angst die Macht zu nehmen.

Angst.

Martin Luther hat in seiner Angst entdeckt: Es gibt eine hoffnungsvolle und tröstende Wirklichkeit, die nicht zerbricht - was auch immer sich in dieser Welt und unserem Leben ereignen mag. Es ist die Wirklichkeit des lebendigen, liebenden Gottes, der sich dem Dunkel und dem Leid dieser Welt nicht entzieht.

Und so sang Martin Luther 2017 im Musical: „Auf einmal die Erlösung, der Schlüssel zum Verlies. Wenn das stimmt, dann bin ich schon im Paradies. Und all meine Ängste werf' ich sofort weg. Fange an zu feiern und sing' - laut und keck: … Gott liebt mich. Er deckt all meine Sorgen mit seiner Liebe zu. Glaube allein. Gnade allein. Christus allein. Die Bibel allein.“

Worauf wir uns verlassen können – auch in Corona-Zeiten:

Sicher ist, dass wir bei Gott ein offenes Herz finden. Lesen Sie Psalm 50, Vers 15.

Sicher ist, dass Gott uns mit unseren Ängsten und Sorgen ernst nimmt.
Lesen Sie Johannes 16, Vers 33.

Sicher ist: „Gott hat dich begleitet, als du dich sicher fühltest. Warum sollte er dich verlassen, wenn du ihn brauchst?“ (Hans-Joachim Eckstein)

 

Martin Weinreich, Pfarrer