Papas Bibel

„Kriegsweihnacht 1944“ steht auf der ersten Seite der kleinen Bibel und „Zur Erinnerung an den Gottesdienst in der Michaelskirche in Prag zum 1. Weihnachtsfeiertag“. 17 Jahre alt war damals mein Vater als er Weihnachten nicht zuhause feiern konnte. Lautstark hatte er sich in seiner Schule mit Claus Schenk Graf von Staufenberg und dem Attentat gegen Hitler solidarisiert, das am 20. Juli des gleichen Jahres gescheitert war. „Und ihr habt doch gesiegt!“ soll er an die Tafel geschrieben haben am Tag der Hinrichtung der Attentäter. So jedenfalls erzählte man sich´s in meiner Familie. Und, dass darauf der Schulverweis und eine Einberufung zur Wehrmacht folgte: Einsatz an der Ostfront. Kanonenfutter für´s Rückzugsgefecht.

Immerhin kam er nicht weit – „nur“ bis Prag. Fragten wir Vater, wie das war und was er in diesem Winter erlebt hat, schwieg er. Wir wussten nur von seinen „erfrorenen Füßen“ und dass er noch nach Jahrzehnten manchmal schreiend aus Träumen aufschreckte.

Der Widmung der kleinen Bibel vom Weihnachtsfest 1944 folgt noch ein Zitat aus einem Psalm: „Siehe, Gott steht mir bei, der Herr erhält mein Leben!“ (Psalm 54,6). Ob er das aus der Predigt des Pfarrers damals aufgeschrieben hat? Ob ihm ein Feldgeistlicher dieses Bibelwort zugesprochen hat und vielleicht auch einen persönlichen Segen? Papa hat dieses Wort jedenfalls als seine persönliche Verheißung mitgenommen – ebenso die Bibel. Versteckt in seinem Stiefel hat er sie bis Kriegsende bei sich getragen und nach Hause gebracht. Das sieht man ihr auch an.

Für meinen Vater war klar: „Gott hält Wort und Gott erhält mein Leben! Mein größter Weihnachtswunsch, Heimkehren zu meinen Lieben, ist in Erfüllung gegangen.“ Daraus zog er immer wieder Kraft. Nach Kriegsende durfte er sogar wieder an seine alte Schule zurück.

Zu dem Weihnachtsfest, auf das wir uns vorbereiten, gehören auch immer die, die vor uns diese heilige Zeit gefeiert haben und mit ihren Erfahrungen der Not, Sehnsucht und des Glaubens gefüllt haben. In Uromas Plätzchenrezept, im ererbten Weihnachtsstern, im Vorkriegs-Rauschgold-Engel oder eben in meiner Papa-Bibel klingt nach, wie Menschen vor uns geglaubt, geliebt und gehofft haben. Solche Familienschätze machen das Herz warm und weit und geben unserem Feiern und Besinnen Wurzeln.


Ihr Jörg Dittmar, Dekan