"Post für mich!"

Pfarrerin Julia Cleve
Bildrechte: Pfarrerin Julia Cleve

Geistliches Wort zum Pfingstsonntag, 9.6.19

„Post für mich!“ Mit fliegenden Fingern öffnet Tim den Brief. Paul, sein väterlicher Freund, hat geschrieben. Obwohl Paul weit entfernt lebt, findet er immer die richtigen Worte in seinen Briefen. Gute Worte hat Tim nötig. Er kämpft gerade an vielen Fronten. Oft überfällt ihn Angst und manchmal scheint ihm die Kraft auszugehen. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht“, liest er, „sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Nachdenklich lässt Tim den Brief sinken. „Wie oft lasse ich mich eigentlich von meiner Angst leiten?“, denkt er sich. „Gottes Geist ist doch ein viel besserer Berater!“ Er spürt, wie sich langsam wieder Vertrauen in ihm ausbreitet. Vertrauen, das stärker ist als die Angst in ihm. „Ja“, sagt er laut, „mit Gottes Hilfe kann ich weitermachen. Er ist bei mir und gibt mir die Kraft, die ich brauche.“

Szenenwechsel: Europawahl. Viele sind sich einig, dass unser Europa ein Friedensprojekt ist, das seinesgleichen sucht. Ein Zusammenschluss, angetrieben durch einen Geist der grenzüberschreitenden Verständigung, der Kraft zum Guten und des Ringens um tragfähige Kompromisse. Aber auch ein Zusammenschluss, der zunehmend gefährdet ist durch den Geist der Angst. Dieser sät Zweifel, fürchtet eigene Nachteile und will sich abgrenzen. Wie gut wäre es, uns in Europa auf die Fahnen zu schreiben: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“! Mit Hilfe eines guten Geistes sind wir stark auch gegen die Ungeister unserer Zeit. 

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Dieser Satz gehört an Kühlschränke in Familienküchen, in Krankenzimmer und Seniorenheime. Er gehört in Schulen, Kirchengemeinden und in die Arbeitszimmer von Politikern. Und er gehört vor allem in die Herzen von uns Menschen. Denn dort wirkt Gottes Heiliger Geist: Kraftvoll, liebevoll und mit einem weiten Blick. Deshalb feiern wir Pfingsten!

Übrigens: Den Brief von Paul an Tim kann man in der Bibel nachlesen. Im Neuen Testament ist es der zweite Brief von Paulus an Timotheus.