Wort zum Sonntag

Hier finden Sie das „Wort zum Sonntag" aus den Wochenendausgaben der Allgäuer Zeitung, verfasst von den evangelischen Pfarrer*innen der Region Kempten:

Ein Haus auf Fels?

Andrea Krakau
Bildrechte: Martina Diemand, AZ

Wer diese Worte von mir hört und sie befolgt, ist wie ein kluger Mann:
Er baute sein Haus auf felsigem Boden. Dann kam ein Wolkenbruch.
Die Flüsse traten über die Ufer, die Stürme tobten und rüttelten an dem Haus.
Doch es stürzte nicht ein, denn es war auf felsigem Untergrund gebaut.

Diese Worte spricht Jesus am Ende seiner berühmten Bergpredigt (Matthäus 7,24-25). Ein schönes Bild, das vom Haus auf dem Felsen, das unverwüstlich dasteht. Denn das wünschen wir uns, denke ich, alle: Dass wir etwas haben, auf das wir bauen können. Dass wir sicher sein können, dass etwas hält, und eben nicht gleich wegbricht. Dass wir ein sicheres und gemütliches Zuhause haben, dass unsere Liebsten auch morgen noch da sind, dass wir in Frieden in unserem Land leben können... Felsen, auf die wir unser Lebenshaus bauen.

Nach der schrecklichen Flutkatastrophe lese ich die Worte Jesu jedoch völlig anders. Wenn ich die Bilder sehe von der Zerstörung, die Geschichten höre von geretteten Fotoalben: Lebensgeschichten in Bildern – überzogen von Schlamm. Diese Menschen haben an sicheren Orten gebaut. Und die Häuser haben Jahrzehnte, Jahrhunderte gehalten. All die Jahre lang schien es, als hätten sie auf Fels gebaut. Bis zu diesem einen Tag, als ihnen plötzlich der Boden unter den Füßen wegbrach. Im übertragenen Sinne und ganz real.

An Erfahrungen wie dieser merken wir: Vieles von dem, worauf wir bauen im Leben, ist ganz schön unsicher. Die vermeintlichen Felsen können sich schnell als brüchig herausstellen. Einen absolut sicheren Ort gibt es im Grunde nicht – nicht auf dieser Welt, nicht in diesem Leben.

Und ich kämpfe mit diesem Bild vom Haus auf dem Felsen. Denn es will nicht passen. Nicht zu dem, wie ich das Leben erlebe. Und erst recht nicht zu den Bildern, die ich gerade sehe. Und genau genommen auch nicht zu dem, was ich sonst von Gott, von Jesus lese. Denn er hat ja auch nur ein Zelt in der Welt aufgeschlagen. Er stammt von Vorfahren, die ebenfalls in Zelten lebten. Wir Menschen leben in dieser Welt eben immer auf sandigem Boden. Da geht oft nur zelten.

Und trotzdem gibt mir etwas Hoffnung: Dass da Menschen sind, die sich berühren lassen. Von der Liebe, von Gott – für andere. Die Solidarität, die da ist. Menschen, die Kaffee, belegte Semmeln und das Nötigste vorbeibringen, die tagelang den ganzen Schlamm und Lebensschutt wegschippen. Denen fremde Not nicht egal ist, die mitanpacken, spenden… Das ist zwar kein großer sicherer Fels. Aber es sind viele kleine Heringe, die das Zeltdach festhalten, wenn der große Sturm kommt.

Pfarrerin Andrea Krakau, St.-Mang-Kirche

Wort zum Sonntag in der AZ, 31. Juli 2021

 

Und weitere Worte zum Sonntag (ab März 2020):