"United by Emotion"

Pfarrer Andy Gatz
Bildrechte: Andy Gatz

Am kommenden Freitag hätte die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Tokyo stattfinden sollen. Das geplante Motto für die XXXII. Olympiade lautet "United by Emotion" – Vereint durch Gefühle. 

Ich habe ich gefragt: Welche Gefühle sind den in diesem Sommer der kleinste gemeinsame Nenner? Die Freude auf den Sommer am See, für die Schülerinnen und Schüler auch auf sechs Wochen ohne Verpflichtungen? Oder doch die Trauer, weil der geplante Urlaub so nicht stattfinden kann? Soll ich mich überraschen lasse, was die nächsten Wochen so bringen? Oder mischt sich auch ein bisschen Angst in meine Gefühlswelt, weil gerade wirtschaftlich manches auf wackeligen Füßen steht und die Sorge um meine Lieben und um die eigene Gesundheit bei allem mitschwing?

Gott sei Dank gibt es Gefühle – was wäre unser Leben ohne Liebe, Freude, Sehnsucht oder Glück... Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Auch die dunklen Gefühle gehören zu unserem Menschsein: Trauer, Wut, Neid, Hass, Angst. Das sprichwörtliche Gefühlschaos kann manchmal kräftezehrend sein und zu viel Raum in unserem Leben einnehmen. Dann bleibt kaum noch Platz und Energie für etwas anderes. 

Manchmal (nicht immer) gelingt es mir, in diesen aufgewühlten und stürmischen Momenten meinen Blick von mir und meinen kleinen und großen Problemen abzuwenden und einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Diese Vogelperspektive finde ich auch im Psalm 139: "Erforsche mich, Gott, und erkenne, was in meinem Herzen vor sich geht; prüfe mich und erkenne meine Gedanken!" heißt es dort. Gottes Perspektive kann ich nicht einnehmen, aber mir tut es gut zu wissen, dass er auf mein Leben und auf meine Gefühlswelt blickt. Ich darf mich ihm anvertrauen und weiß: Er begleitet mich. "Sieh, ob ich einen Weg eingeschlagen habe, der mich von dir wegführen würde, und leite mich auf dem Weg..." heißt es im Psalm weiter. Gott, der uns erschaffen hat mit all den Gefühlen, die manchmal eben auch für Verwirrung sorgen, dieser Gott sieht uns auch in unserem Gefühlschaos. Ihm dürfen wir uns anvertrauen und uns darauf verlassen, dass er uns begleitet und weiß, wie alles ausgeht. Vielleicht haben wir damit auch den kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden - Gottvertrauen als das Gefühl, dass uns alle vereint. 

Ihr Pfarrer Andy Gatz, Christuskirche Kempten