Wort zum Sonntag - Jesus, die Menge und Zachäus

Der Predigttext für diesen Sonntag ist Ihnen sicherlich während Ihrer Schulzeit schon einmal begegnet. Erinnern Sie sich? Es hat sich herumgesprochen, dass Er kommen wird. Wo etwas los ist, da wollen sie alle sein. Die Neugierigen, die Lebenshungrigen, die Sensationslustigen, die Wissenden, die Unsicheren, die Fragenden und die Ratsuchenden. Alle Generationen sind vertreten. Kinder, junge und alte Leute. An ihren Augen ist es abzulesen: Dieser Jesus soll ihre Wünsche und Sehnsüchte befriedigen. Ihre Blicke sagen: Wer ist er? Ist er es, den der Himmel schickt? Ist er es, der uns helfen kann? Bewunderung schwingt mit, aber noch mehr Fragen. Was können wir von ihm erwarten? Erwartet er gar etwas von uns?

 

Und aus der Euphorie der Masse und ihrem spürbaren Egoismus heraus übersehen sie, wer sonst noch auf dem Weg ist. Einer, den sie so gar nicht im Blick haben wollen. Was will der hier? Klein ist er, der Zöllner Zachäus, aber er hat es zu etwas gebracht. Vielleicht war es gerade seine kleine Gestalt, die seinen Ehrgeiz hat so groß werden lassen. Unübersehbar, wenn er sich am Zoll durchsetzt. Da helfen keine Worte, nichts und niemand bringt ihn davon ab, Geld einzutreiben, das Recht durchzusetzen. Eine unliebsame Person. Gnade scheint er nicht zu kennen. Und Unterschiede auch nicht. Wer diesem Mann begegnet, ist ihm ausgesetzt, kann nur verlieren. Freiwillig würde niemand in seine Nähe kommen. Deshalb: Bloß nicht in Richtung Baum schauen, wo sich der andere einen herausgehobenen Platz gesucht hat. Wie im Leben: Dort beim Zoll und hier auf dem Baum. Er weiß, wie man es anstellt, zu den Großen zu gehören.

Wird Jesus dieses Spiel mitspielen?

Er hebt sich von der Menschenmenge ab. Seine Person ist herausgehoben. Sein Blick führt über das, was da ist, hinaus. Er lässt sich nicht fesseln von der Menschenmenge. Er badet nicht in ihr. Er erkennt Zachäus. Seine Augen sehen mehr. Sie sehen vom Himmel her. Sie bleiben nicht stehen bei dem, was ein Mensch ist, sondern sehen, was er braucht und was aus ihm werden kann. Jesus ist so frei, den einen, der materiell gut versorgt ist, auszusuchen. Er erkennt ihn als den besonders Bedürftigen. Er sucht den, der sich seiner Verlorenheit bewusst ist und sich nichts mehr vormacht.

"Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." (Lukas 19,10)

Hartmut Lauterbach