Wort zum Sonntag - Von guten Mächten

„Ich bin zwar gut versorgt, aber das Alleinsein macht mir doch zu schaffen“, sagte mir vor kurzem ein älteres Gemeindeglied am Telefon. „Auch die Gottesdienste fehlen mir“, fuhr sie fort, „Aber bevor ich abends zu Bett gehe, singe ich immer dieses Lied leise für mich“. „Welches Lied“, frage ich nach. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Nach acht langen Wochen dürfen an diesem Sonntag wieder Gottesdienste in den Kirchen gefeiert werden. Endlich! Wenn auch die Infektionsschutzmaßnahmen die gegenwärtige Corona-Atmosphäre wiederspiegeln werden: Zwei Meter Abstand zwischen den Gottesdienstbesuchenden, Mundschutzpflicht, Liedzettel statt Gesangbücher, Mindestabstand des Predigenden von der Gemeinde. Die Besucherzahl ist auf 80 begrenzt. Das alles ist richtig und wichtig, damit auch im Gottesdienst das Infektionsrisiko so gering wie möglich gehalten wird. 

Ich freue mich, wieder mit Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern zu dürfen. Ich darf in Augen blicken, statt in eine Kamera (obwohl unsere Videoandachten aus der St.-Mang-Kirche viele Menschen zu Hause mitfeiern).

„Singt dem Herrn ein neues Lied“, so lautet der Spruch für den Sonntag „Kantate“ („Singt“). Auch wenn wir vertraute Lieder singen, sie werden einen neuen Klang haben. Die Gesichter sind hinter dem Mundschutz verborgen. Und nur wenige Lieder mit maximal 2 Strophen werden gesungen. Manche Besucher*innen werden vielleicht auch nur summen oder den Liedtext zur Orgelmelodie lesen. 

Die Lieder haben derzeit aber auch deshalb einen neuen Klang, weil sie in diesen Tagen neu zu „sprechen“ beginnen. So wie das Lied, das die ältere Dame jeden Abend leise für sich singt. Getröstet geht sie zu Bett – trotz aller Unsicherheiten. Das Virus hat unser aller Leben weiterhin im Griff. Auch mit den Lockerungen zwingt uns die gebotene Vorsicht auf vieles zu verzichten. Aber wie die ältere Dame kann und darf ich mich am Abend und am Morgen eines jeden neuen Tages darauf verlassen: Gott ist mit uns. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ihr Pfarrer Hartmut Lauterbach, St.-Mang-Kirchengemeinde Kempten