Über Mauern springen
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18,30)
Vor über 36 Jahren haben Menschen in unserem Land mit diesem Psalmwort ernst gemacht. . Erst trafen sich einige wenige jeden Montag in der Leipziger Nikolaikirche. Dann wurden es immer mehr. Die Pfarrer standen damals unter extremer Beobachtung der Staatssicherheit.
Pfarrer Christian Führer, einer der damaligen Pfarrer an der Nikolaikirche, erzählte mir bei einem Treffen nach dem Mauerfall, ein falsches Wort von ihnen hätte genügt und sie wären sofort im Gefängnis gelandet. Sie haben deshalb gar nichts gesagt, sie haben einfach die Psalmen der Bibel gelesen. Worte mit Sprengkraft! Am 6. Oktober 1989 gingen 150.000 Menschen auf die Straße, am 6. November fast 500.000. In der Nacht auf den 9. November fiel die Mauer. Sie hätten große Angst gehabt, meinte Führer, Angst, dass es total eskaliert, dass Steine fliegen, Menschen sterben. Den vielen Besuchern der
Montagsgebete haben sie deshalb am Ausgang Kerzen in die Hände gedrückt. „Wer Kerzen in den Händen hält hat keine Hand mehr frei, einen Stein zu werfen“, meinte er. Mich hat Pfarrer Führer sehr beeindruckt. Er hat auf die Kraft des Wortes Gottes gesetzt und auf eine Zukunft im Frieden. Gottes Wort will auch ich alles zutrauen. Mit meinem Gott will ich über Mauern meiner Angst, meiner Kleingläubigkeit, immer wieder neu ins Leben, in eine friedliche Zukunft springen.
Dekanin Dorothee Löser
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 2./3./4. Oktober 2026
Der September ist endlich da!
Und ich weiß, viele Menschen lieben den Sommer, aber ich war immer ein Herbstkind. Ich mag, wenn es kühler wird und ich freue mich, dass die Hitze nun zu Ende ist. Gefühlt war ich nur am Schwitzen. Vielleicht mag ich den September aber auch so gern, weil ihm jedes Jahr wieder ein besonderer Zauber inne wohnt. Man kommt aus dem Urlaub, das neue Schuljahr startet, im Büro trudeln alle wieder ein. Das Licht ist anders, die Tage werden nicht nur kühler, sondern auch kürzer, der Stress der Sommertage weicht der Ruhe des Herbstes. Auch die dunklen Tage sind schön.
Überhaupt die Herbst-Monate sind einfach entschleunigend. Sie klingen verheißungsvoll nach Kerzenlicht und guten Filmen. Ich habe neulich gelesen, der 1. September ist wie der 1. Januar, nur besser. Quasi ein möglicher Neuanfang mitten im Jahr. Egal, wie dein Jahr bisher lief, du kannst nochmal neu anfangen. Bilanz ziehen, durchatmen, dir neue Ziele stecken für´s restliche Jahr. Dich einmal fragen: Was hab ich schon geschafft? Wo kann ich bewusst Tempo raus nehmen? Bin ich meiner ganz eigenen Lebensmelodie noch auf der Spur oder doch wieder im Hamsterrad des Alltags gefangen? Vielleicht kann auch der Glaube ins Spiel kommen: Höre ich Gottes Stimme noch oder überdecken Alltagsgeräusche seinen Ruf? Merke ich noch was von Gottes Wort in meinem Leben- inmitten von Arbeit, Familie und Kindern? Hat Spiritualität oder eine feste Gebetszeit überhaupt noch Platz? Oder mal ein Sonntagvormittag im Gottesdienst? Vielleicht würde das auch Kraft geben. Ich habe eine Kollegin, die pilgert das ganze Jahr über. Läuft viele, viele Kilometer, überall: Ins Grüne, in die Berge, auf einsamen Wiesen und im Wald und sogar schon auf dem berühmten Jakobsweg. Sie sagt, es gibt ihr Erdung, Klarheit und Kraft und sie fühlt sich Gott ganz nah, ganz verbunden.
Die Bibel ist voll von Geschichten um Menschen, die immer wieder aufbrechen und ausgetretene Pfade verlassen: Abraham verlässt Land und Leute, um eine neue Heimat zu finden. Mose führt die Israeliten auf Umwegen in die Freiheit. Mit Maria wird eine junge Frau aus dem gewöhnlichen Alltag herausgerissen und wird unverhofft Mutter. Gott kann Grenzen sprengen, uns aus der Enge des Lebens in die Weite führen. Gott lädt uns ein. In seine bunte Welt.
Pfarrerin Maria Soulaiman, Altenheimseelsorge - St.-Mang-Kirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 19./20. September 2026
Campingurlaub und Politik
Ich liebe Camping. VW-Bus packen, die nötigsten Sachen reinschmeißen und los geht die Reise - immer dem guten Wetter hinterher. Und dann kommt man irgendwo an, meist spät. Zu spät, um noch einzukaufen.
Ich wollte gerade das Kochen anfangen, als ich bemerkte, dass alles dabei war außer Salz.
„Ach, das wird schon. Ich habe genug Gewürze dabei. Das wird am Ende doch gar nicht auffallen.“ Naja, was soll ich sagen? Es war völlig überwürzt und zugleich fade ohne Ende.
Jesus sagt im Matthäusevangelium: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Und in meiner Situation habe ich erst richtig verstanden, was es heißt, wenn Salz fehlt. Der Vers geht übrigens noch weiter: „Aber wenn das Salz nicht mehr salzt, wie kann es wieder salzig werden? Es ist nutzlos! Also wird es weggeworfen und von den Menschen zertreten.“ Puh! Das ist eine harte Ansage von Jesus, die mich wegführt von den kleinen Problemchen in meinem Campingurlaub hin zu denen, die sich tragischerweise am Firmament abzeichnen. Über die an diesem Wochenende stattfindende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt las ich folgendes: „Demokratien scheitern in erster Linie nicht daran, dass autoritäre Kräfte gewinnen. Sie scheitern dann, wenn Demokrat:innen nicht mehr widersprechen.“
Ist es das, was Jesus damit meint, wenn das Salz nicht mehr salzt? Ich für meinen Teil glaube an einen Gott, der uns für ein bedingungsloses Miteinander geschaffen hat. Und an Jesus, der uns als seine Nachfolger:innen zu den Armen, Schwachen, Ausgegrenzten usw. ruft. Nächstenliebe leben, demokratisch wählen und salzig bleiben.
Pfarrer Jonas Hammerbacher, Markuskirche-Altusried
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 5./6. September 2026