Was kommt ins Gepäck?
„Ich packe meinen Koffer und nehme mit …“ – so beginnt ein beliebtes Gedächtnisspiel: Reihum werden Gegenstände genannt, die man sich merken und dann in der richtigen Reihenfolge wiederholen muss. Die Liste wird schnell lang und meistens auch ein bisschen absurd. Viele werden bald echte Koffer für den Sommerurlaub packen und müssen überlegen: Was nehme ich denn alles mit? Brauche ich den Föhn oder gibt es vor Ort einen? Habe ich genug Bücher dabei und ausreichend Sonnencreme? Manche Sachen lasse ich daheim: Arbeitslaptop, Diensthandy, To-Do-Liste – und doch, irgendwie schleichen sie sich gedanklich mit in den Urlaub. Wie im Spiel „ich packe meinen Koffer“ merke ich mir, was alles liegen geblieben ist und was ich schon längst erledigt haben wollte. Mit Blick aufs Meer erinnere ich mich dann daran: Stimmt, ich wollte noch die Wasserhähne entkalken.
Jesus spricht viel von Gnade und Barmherzigkeit. Zwei alte Wörter – aber es würde sich lohnen, sie im Urlaubsgepäck zu haben. Die Auszeit ist nämlich eine gute Gelegenheit, um beides an sich selbst einzuüben. Gnädig zu sein, mit dem was liegen geblieben ist; barmherzig mit dem, was unerledigt bleibt.
Deshalb habe ich einen Vorschlag: Packen Sie doch in diesem Jahr ganz bewusst ihren Urlaubskoffer und überlegen nicht nur was mitkommt, sondern auch was zuhause bleibt.
Pfarrer Tim Sonnemeyer, Christuskirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 26./27. Juli 2025
Lebensfreude – dennoch
Es ist doch eigenartig – je mehr unsere Welt aus den Fugen gerät, umso dankbarer werde ich für all das, was ich bisher an Gutem erlebt habe – und dafür, was mir Heute noch an Schönem begegnet: Ich wache voller Freude auf, wenn ich durch die weit geöffneten Fenster die Vögel singen höre. Ich bin dankbar für das erfrischende Trinkwasser – einfach so, aus der Leitung, ohne lange Wege zum Brunnen. Ich bin froh darüber, mich bewegen zu können, meiner Arbeit als Seelsorgerin in der Klinik nachgehen zu dürfen. Auch da, bei den erkrankten Menschen, erlebe ich oft erstaunliche Dankbarkeit mitten in der Not: wenn jemand heute weniger unter Übelkeit oder Schmerzen leidet als gestern, ist dankbare Erleichterung zu spüren. Und gleichzeitig wächst in diesen Momenten der Dankbarkeit die Kraft, wieder um das Leben zu ringen, sich nicht vorschnell in das Unvermeidliche zu fügen. Vielleicht geht das auch im Blick auf unsere erkrankte Welt so: wenn wir angesichts der üblen Nachrichten die Kostbarkeit von intakter Natur und von Frieden dankbar erkennen, kann in uns wieder Kraft und Hoffnung wachsen, eine Hoffnung gegen das „gedankenlose Sich-einem-Unvermeidlichen-Unterwerfen“ (Bonhoeffer).
Es ist gerade merkwürdig still – wie die Ruhe vor dem Sturm, als würden wir den Atem anhalten und den Kopf in den Sand stecken. Haben wir uns schon in das vermeintlich Unvermeidliche gefügt? Oder hoffen wir auf die Weisheit der Mächtigen? VIELLEICHT kann die Stimme der Kinder und Jugendlichen dieser Welt ihre Herzen erreichen, wenn sie gemeinsam bitten: „Seid barmherzig mit uns, lasst uns auch noch etwas vom Leben übrig –wir brauchen nur Friede, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung!“
Vielleicht haben gerade wir die Chance, die Pluralität unserer jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion darin zu unterstützen, uni sono eine gemeinsame Bitte an die mächtigen Männer dieser Welt zu richten.
Seid barmherzig wie euer Gott im Himmel barmherzig ist.
Pfarrerin Heike Steiger, Klinik-Seelsorge Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 12./13. Juli 2025
Sommergefühle
Der Sommer ist für die meisten von uns doch einfach wunderbar! Man kann lange draußen sitzen, ein Glas Wein genießen, im Freibad schwimmen, in die Berge wandern, Fahrrad fahren, Freunde treffen und überall spürt man diese gewisse Leichtigkeit, die es so nur im Sommer zu spüren gibt. Einfach herrlich. Sommer, Sonne, Leichtigkeit- so könnte das Leben doch immer sein!
Als ich neulich mit einer guten Freundin beim Frühstücken zusammen war, da sagte sie etwas, was mich sehr nachdenklich über meine gefühlte „Sommerleichtigkeit“ gemacht hat: „Weißt du, der Sommer ist für mich immer am schlimmsten.“ Da spüre ich meine Einsamkeit und Traurigkeit mehr als im Winter. Meine Freundin hat immer wieder mit Depressionen zu kämpfen. Ich frage nach, warum das so ist: „Im Sommer ist der Kontrast zwischen meinem Innenleben und dem Außen am größten. Alle feiern das Leben, nur ich stehe daneben und fühle mich einsam, allein und leer. Im Winter, wenn alles grau und dunkel ist, dann geht es mir fast besser.“ Sie berichtet, dass es in der Therapiegruppe vielen ähnlich geht. Ich merke, wie ich schlucken muss. So viel Traurigkeit und das in der eigentlich schönsten Zeit des Jahres!
Wieder zu Hause recherchiere ich ein bisschen. Ich denke nach, wie vielen Menschen es wohl so geht wie ihr. Die nicht viele Freunde haben. Für die der Sommer anstrengend und quälend ist. Die sich leer und ausgeschlossen fühlen, wenn alle anderen das pralle Leben feiern. Das macht mich betroffen. Und ich denke an die kommende Sonntagspredigt, wo Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“
Was ein Trost, denke ich. Auch die Bibel kennt die „bösen Geister“- Einsamkeit, Leere, Traurigkeit. Und unser Gott lädt uns ein, an seinen Tisch, will uns Heil machen und das Leben in Fülle schenken. Ich wünsche mir, dass diese Botschaft Menschen erreicht. Dass diese Botschaft Kraft und Hoffnung schenkt – das ganze Jahr über. Und ich will dasein, für meine Freundin – in diesem Sommer ganz besonders.
Pfarrerin Maria Soulaiman, St.-Mang-Kirche und Altenheimseelsorge Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 28./29. Juni 2025
Die drei Fragezeichen
Seit meiner Kindheit bin ich absoluter Drei Fragezeichen-Fan. Drei Freunde, die durch dick und dünn gehen und dabei große Abenteuer bestreiten. Justus und Peter sind die Detektive. Bob macht Recherchen und Archiv.
Als Grundschulkind habe ich das aber nie verstanden. Was ist denn eigentlich Bobs Job genau? Mit Recherchen und Archiv konnte ich damals nichts anfangen. Und jetzt: Achtung, Nerdwissen!
Tatsächlich musste sich Bob seinen Platz als dritter und wichtiger Teil des Trios im Laufe der vielen Fälle erst erarbeiten. Ein bisschen erinnert mich das an Pfingsten. Unser Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gott - der Schöpfer. Jesus - der Retter. Und der Heilige Geist? Was der genau macht, bleibt oft unklar. Jesus sagt: Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben - einen Tröster, der für immer bei euch bleibt. (Joh 14,16). Der Heilige Geist ist ein bisschen wie Bob Andrews: Unterschätzt - aber unersetzlich. Anders als Bob aber lässt er sich nicht einordnen. Er weht, wo und wann er will (Joh 3,8).
Er ist die Kraft, die Mut macht, bewegt, aufrichtet, begeistert. Und diese Kraft wirkt auch heute. Das bleibt von Pfingsten übrig. Gottes Kraft ist für uns und unter uns da.
Sie bleibt. In dir. In mir. In der Welt. Pfingsten heißt: Der Geist ist da. Gott ist da. Und er bleibt.
Vikar Jonas Hammerbacher, St.-Mang-Kirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 14./15. Juni 2025
Er hört Ihnen zu
Die Ohren öffnen für all das, was die Welt für uns bereit hält … Oder möchte ich sie lieber verschließen vor dem, was alles auf mich eindringt. Aufmerksam und zugewandt sein oder sich abschotten?
Man sagt mir nach, dass ich ziemlich gut zuhören könne, mein Gegenüber ausreden lasse und meist recht vorsichtig und zurückhaltend auf das Gehörte reagiere. Trotzdem passiert es – natürlich – auch immer wieder, dass meine Reaktion auf das Gehörte nicht den Vorstellungen meines Gegenübers entspricht, ich vielleicht auch Enttäuschung auslöse.
Gut hören zu können, das ist für mich ganz fundamental. Ich bin dankbar für meine Ohren. Ein wichtiges „Werkzeug“ für eine Pfarrerin. Der heutige Sonntag hat den lateinischen Namen Exaudi: Höre! (Psalm 27,7 Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich!)
Was gehört dazu zum Hören?
Selbstverständlich sollte es nicht ein „Zum-einen-Ohr-hinein-und-zum-anderen-Ohr-hinaus“ sein. Ich brauche erst einmal Ruhe, um gut hören zu können. Vielleicht neige ich meinem Gegenüber mein Ohr besonders zu und komme ihm dadurch näher. Hören allein ist schon sehr viel, aber oft sollte dann doch auch ein Tun daraus folgen, eine aktive Reaktion, oft ein Handeln. Ein feines Gehör braucht es oft. Von klein auf mit Musik aufgewachsen habe ich schon früh gelernt, genau hinzuhören, verschiedene Klänge, richtige und falsche Töne, Klangfärbungen, Stimmungen zu unterscheiden. Auch im Zwischenmenschlichen braucht es das. Da wird geklagt, geweint, gefleht, geschrien, geflüstert; da wird mit lebendiger Stimme erzählt, oder die Stimme ist geradezu tot.
Exaudi – Höre, Gott!!!
Flehen, Bitten, Klagen – und das Vertrauen darauf, dass Gott hört, zuhört, seine Ohren dem Beter zuneigt, Partei ergreift für den Armen, Verzweifelten, Weinenden, Elenden, Flehenden.„Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich!“
Dazu gehört auch das Vertrauen darauf, dass Gott das Gebet er-hört, darauf reagiert, der Beter in irgendeiner Form eine Antwort, eine Reaktion erhält. Es geht nicht um einen Automatismus (oben der Groschen eingeworfen, unten das Gewünschte herausgezogen), aber es geht um ein grundlegendes Vertrauen beim Beter: Gott hört, er ist und bleibt zugewandt, nahe, auch dann, wenn man es nicht „objektiv nachweisen“ kann.
Das Buch der Gebete im Ersten Teil der Bibel, das Buch der Psalmen, ist voll von diesen Erfahrungen: von der Gewissheit, dass Gott wirklich hört. Deshalb sind die Psalmgebete der Bibel für mich die wichtigste Alltagslektüre. Seien Sie behütet und mögen Sie jeden Tag von Neuem in Ihrem Leben erfahren, dass Gott der Zugewandte und Hörende ist und bleibt!
Pfarrerin Annegret Pfirsch, Seelsorgerin in der JVA Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 31. Mai / 1. Juni 2025
Sammeln Sie auch Magnete?
An unserer Kühlschranktüre ist kaum noch Platz für Magnete. Wir sammeln sie seit vielen Jahren. Von so vielen Orten hängt da nicht nur ein Bild, nein, auch Erinnerungen kommen jedes Mal auf, wenn ich sie mir ansehe. Manche Magnete stammen auch von Orten, an denen wir nicht selber waren, sondern die uns mitgebracht und geschenkt wurden. Beim Betrachten dieser Magnete denken wir immer an die Freunde, die sie uns überreicht haben.
Aber es gibt viele Orte und Stationen unseres Lebens, von denen dort kein Magnet hängt. Oftmals sind unser Leben und unser Alltag zu hektisch, als dass wir Zeit hätten, an Souvenirs zu denken. Doch sind nicht auch die kleinen Erlebnisse des Alltags erinnerungswürdig? Die Momentchen dazwischen, die Augenblicke im Vorübergehen, die spontanen und ungeplanten Begegnungen? Oder die schwierigen Zeiten, die hinter uns liegen, die uns mit Sicherheit auch geprägt haben?
In Prediger 1 heißt es: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“. Da steht nichts von qualifizierter Zeit und unqualifizierter Zeit. Nichts von erinnerungswürdig und dem Vergessen geweiht. Alle Zeit, so glauben wir Christen, ist uns von Gott geschenkt und zu allen Zeiten sind wir von Gottes Segen umgeben. Dies gilt auch in den Momenten, in denen wir keine Magnete kaufen, um noch lange daran zu denken.
Aber vielleicht sollten wir genau dies tun: Bewusst Erinnerungsstücke schaffen auch für die anderen Zeiten. Es lohnt sich doch sicher, sich auch daran zu erinnern, welche Schwierigkeiten wir gemeistert haben, welche unruhigen Stunden wir überstanden haben, wo wir uns nach dem Streit wieder versöhnt haben. Vielleicht sollten wir Magnete aufhängen weil wir mal wieder - wie so oft - das Haus schön sauber gemacht oder das Baby gewickelt haben, weil das Essen mal wieder so lecker geworden ist oder weil unsere Tränen wieder getrocknet sind. Wäre das nicht auch erwähnens- und erinnerungswürdig?
Ein besonderes Erinnerungsstück ist für mich das Kreuz, das ich meistens an einer Kette um meinen Hals trage. Es ist zwar kein Magnet, aber doch erinnert es mich täglich an die Hauptkraft und -motivation, die mich im Leben antreibt und mich trägt, auch durch schwierige Zeiten: Jesus Christus, die verkörperte Liebe Gottes. Ich weiß gar nicht ob es ihn als Magnet gibt. Aber wenn ich ihn mal in dieser Form finde, dann ist eines sicher: Ich werde ihn kaufen und an unsere Kühlschranktüre hängen.
Pfarrerin Gisela Schludermann, Matthäuskirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 17./18. Mai 2025
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
Letzte Woche stand ich staunend in meinem Garten: „Was habe ich denn da verpasst?“ fragte ich mich. Etwas Regen- und plötzlich ist alles grün und bunt. „Einzigartig!“, dachte ich voller Bewunderung. Mir kam dabei das Kirchenlied von Paul Gerhardt in den Sinn: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit, an deines Gottes Gaben. Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir, sich ausgeschmücket haben.“
Ich erinnerte mich, wie ich als Kind durch den Garten getanzt bin und das Lied dabei aus vollem Herzen geschmettert habe. Diese pure Lebensfreude hat sich fest in mein Herz eingenistet. Den Frühling liebe ich bis heute. Als Erwachsene weiß ich, dass selbst im grünenden Frühjahr bei uns nicht alles rosig ist. Der Klimawandel, Sorgen um gesellschaftlichen und weltweiten Frieden, persönliche Sorgen belasten die Herzen vieler. Zur Zeit von Paul Gerhardt war die Welt nicht besser. Er durchlebte die Härte des dreißigjährigen Krieges. Gewalt und Zerstörung gehörten zu seinem Alltag. Schwere Schicksalsschläge trafen seine Familie. Nachdem seine Frau ein Kind verloren hatte, dichtete er für sie, die er immer „mein Herz“ nannte, das Lied. Geh aus, mein Herz, und suche Freud.
Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie dazu von lieben Menschen immer wieder ermutig werden. Dass Sie Gottes Fußspuren in der Natur entdecken, der es nach tristen, winterlichen, Zeiten wieder bunt werden lässt in unserem Leben und der Welt.
Dekanin Dorothee Löser
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 3./4. Mai 2025
Evangelischer Hochmut kommt vor dem Fall
In meiner Familie gibt’s das nicht“, dachte ich als Teenager, wenn es um das Thema „Seitensprünge“ ging - bis ich erfuhr, dass mein Großvater eine Affäre hatte und dass meine Tante nur nicht geheiratet hat, weil sie selbst die Geliebte eines verheirateten Mannes war. Uns Kindern wurde etwas vorgespielt. Man redete erst darüber, als es gar nicht mehr zu verheimlichen war. Ich dachte, wir wären besser und zeigte mit dem Finger auf die anderen. Die Heimlichtuerei und der Umgang mit dem Thema haben mich verletzt. Es gab keinen Grund mehr, sich als eigene Familie besser zu fühlen als andere. Die Finger zeigten auf uns selbst. Wie habe ich mich für meinen Hochmut geschämt!
„In unserer Kirche gibt’s das so nicht“, dachten wir Evangelischen auch lange, wenn es um die Verbrechen der sexualisierten Gewalt ging. In viel schlimmerer Art und Weise erlebe ich gerade in meiner evangelischen Kirche den Umgang mit dieser Katastrophe. Wir haben oft gesagt, das Problem sexualisierter Gewalt sei vor allem ein Problem der katholischen Kirche. Bei uns sei alles viel besser. Wir hätten schließlich keinen Zölibat, und die männlichen Pfarrer hätten ja ihre Familien. Und gemeinsam regten wir uns über den Umgang der katholischen Kirche mit diesen Verbrechen auf. Hochmut kommt vor dem Fall! Die Finger zeigen auf uns selbst. Wie schäme ich mich für diesen Hochmut!
Schande über uns, dass Menschen missbraucht wurden, die uns vertrauten! Schande über uns, dass man ihnen nicht zugehört hat und eher den fast ausschließlich männlichen Tätern geglaubt hat! Schande über uns, dass man die Opfer noch einmal getreten hat, indem man die Aufarbeitung aus fadenscheinigen Gründen ausgebremst hat! Kosten und mangelndes Personal sind fadenscheinige Gründe! Dann müssen wir eben den Gürtel enger schnallen, Gelder und Personal umverteilen! Wir sind die Tempeldiener und Priester, die am unter die Räuber geratenen Menschen vorbeigehen und auf den barmherzigen Samariter spekulieren! Und Schande über uns, dass die Opfer noch einmal geschlagen werden, indem sie hingehalten werden und um ihre Entschädigung kämpfen müssen! Unser Chef Jesus sagt dazu: „Wer aber einen dieser kleinen, unbedeutenden Menschen, die mir vertrauen, zu Fall bringt, für den wäre es noch das Beste, mit einem Mühlstein um den Hals ins tiefe Meer geworfen zu werden.“ (Matthäus 18,6)
Und am Sonntag singen wir wieder unsere Lieder. Gott sagt im Predigttext für den Sonntag dazu: „Ich hasse eure Feiern, geradezu widerwärtig sind sie mir, eure Opferfeste verabscheue ich … Eure lauten Lieder kann ich nicht mehr hören, verschont mich mit eurem Harfengeklimper. Setzt euch lieber für die Gerechtigkeit ein! Das Recht soll das Land durchströmen wie ein nie versiegender Fluss.“ (Amos 4,21-24) Tut nicht fromm, sondern seid es!
In was für einer Kirche bin ich denn, dass sogar Gott selbst gegen uns ist! Ich erlebe uns als unbußfertig. Buße heißt, die Konsequenzen tragen: Und wenn es unserer Kirche den letzten Cent und meine Pension kostet, und wenn es uns das letzte bisschen Ansehen kostet: Wir müssen uns für Gerechtigkeit für die Opfer einsetzen und weitere Opfer verhindern! Mir geht es nicht um mein Ansehen als Pfarrer. Ich bin kurz davor, meinen Beruf an den Nagel zu hängen, so schäme ich mich. Unser Ruf ist mir egal. Mir geht es um die Opfer! Jedes Opfer der Heuchelei ist eines zu viel! Was fordert Gott von uns? Demut, Bescheidenheit, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Armut! Das verlangen Gott und die Menschen zu Recht von uns Kirchenmännern! Nur um das zu leben bleibe ich in meiner Kirche.
Pfarrer Hartmut Babucke (Johanneskirche Kempten / Buchenberg)
Wort zum Sonntag in der Allgäuer Zeitung, 10./11. Febraur 2024