Zeit für echte Begegnungen
„Und wenn in unserem Haus im obersten Stock jemand stirbt, dann hat schon der, der einen Stock tiefer wohnt, keine Ahnung“, dass dieser Mensch plötzlich nicht mehr da ist.“ Das sind Worte aus dem Munde einer älteren Frau, die mir kürzlich erzählte, wie wenig die Bewohner ihres Hauses voneinander wissen.
Es ist unbestritten, in unserer Stadt leben viele Menschen Tür an Tür, ohne miteinander Kontakt zu haben. Von manchen weiß ich, dass sie sich sehr einsam fühlen und verzweifelt sind, weil sie niemanden haben, mit dem sie ihre Zeit teilen und Begegnung erleben können. Gemeint ist nicht die flüchtige Begegnung, sondern ein echter zwischenmenschlicher Austausch. Es geht um echte Begegnungen, bei denen Menschen wirklich präsent sind und ohne Zeitdruck zusammen sein können. Begegnungen, die offensichtlich vielen Menschen - Älteren wie Jüngeren - fehlen.
Dabei ist es uns als Gesellschaft doch stets ein großes Anliegen, dass allen Menschen die soziale Teilhabe ermöglicht wird. Denn Begegnungen mit anderen Menschen vermitteln das Gefühl Teil eines Ganzen zu sein und dazuzugehören.
Und doch bleibt diese Erfahrung vielen Menschen verwehrt - und das in einer Zeit, in der uns die Digitalisierung mehr denn je vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten bietet. Hervorragende Kommunikationsmöglichkeiten, aber dennoch wenige echte Begegnungen - Wie passt das zusammen?
Ich denke, man darf bei allen Vorteilen, die die Digitalisierung mit sich bringt, nicht verschweigen, dass sie auch ein Grund dafür ist, dass es immer seltener zu persönlichen Begegnungen kommt. Zugleich stellt sich die Frage, ob und in welchem Maße digitale Kommunikation überhaupt in der Lage ist, Verbundenheit, und ein echtes Gefühl von Gemeinschaft zu vermitteln. Ich persönlich glaube, dass echte persönliche Begegnungen nie ersetzbar, sondern unverzichtbar sind für unser Leben. Die Kirchen in unserer Stadt laden regelmäßig zur Begegnung ein. Mit vielfältigen Angeboten für alle Altersgruppen bieten sie viele Möglichkeiten für einen persönlichen Austausch und für das Erleben von Gemeinschaft.
Ganz gleich, an welchen Orten wir in dieser Welt unterwegs sind, immer wieder kommt es darauf an, echte Begegnungen zu ermöglichen. Dazu möchte ich Sie mit diesen Zeilen ermuntern. Weil echte Begegnungen für jeden Menschen unverzichtbar sind. Und - weil sich daran unser Menschsein und unsere Fähigkeit zur Nächstenliebe festmachen.
„Echte Begegnung ermöglichen“ - Wie wäre es, wenn Sie diesen Punkt in ihr Wochenprogramm aufnehmen würden und sich immer wieder fragen ließen, wo Begegnung mit Ihnen gefragt sein könnte und wie Sie Ihre Möglichkeiten nutzen könnten? Was daraus erwächst, ist von unschätzbarem Wert: für die einen bedeutet es, erleben zu dürfen, in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein und der Einsamkeit und Verzweiflung zu entkommen. Für die anderen, bedeutet es, erfahren zu dürfen, was es heißt, wirklich Mensch zu sein.
Pfarrerin Jutta Schröppel, BKH-Seelsorge und Suizidprävention
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 25./26. Juli 2026
Schatten vor der Hitze
Der Sommer hat zwei Gesichter. Wir freuen uns über lange Abende, blauen Himmel und die Zeit draußen. Gleichzeitig bringt die Hitze viele Menschen an ihre Grenzen. Wer arbeitet, kleine Kinder betreut oder gesundheitlich angeschlagen ist, erlebt heiße Tage nicht nur als Geschenk. Dann wird jeder Schattenplatz kostbar und jedes Glas Wasser zur kleinen Wohltat.
Gerade deshalb spricht mich in diesen Tagen ein Satz aus der Bibel besonders an. Im Buch des Propheten Jesaja heißt es über Gott: „Du bist … ein Schatten vor der Hitze.“ (Jesaja 25,4)
Was für ein schönes Bild! Gott wird hier nicht als jemand beschrieben, der die Sonne ausschaltet oder alle Schwierigkeiten verschwinden lässt. Er ist vielmehr wie ein schattiger Baum an einem heißen Sommertag. Ein Ort, an dem man durchatmen, zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen kann.
Ich glaube, solche Schattenplätze brauchen wir nicht nur im Sommer. Auch unser Alltag kann heiß werden - wenn Termine sich drängen, Sorgen uns beschäftigen oder wir das Gefühl haben, allem gerecht werden zu müssen. Dann sehnen wir uns nach einem Moment, in dem wir einfach sein dürfen. Manchmal finden wir ihn auf einer Bank im Park, bei einem Abendspaziergang oder in einer kühlen Kirche. Manchmal genügt schon ein paar Minuten Stille, ein Gebet oder das bewusste Wahrnehmen dessen, was gerade gut ist.
Der Sommer erinnert mich daran, dass wir sorgsam mit unseren Kräften umgehen dürfen. Wir achten darauf, genug zu trinken, Pausen einzulegen und die Mittagssonne zu meiden. Vielleicht gilt das auch für unsere Seele. Sie braucht Zeiten, in denen sie aufatmen kann.
Ich wünsche Ihnen in diesen Sommertagen solche Momente der Erfrischung - im Schatten eines Baumes, am Wasser oder dort, wo Sie Gottes Nähe spüren.
Pfarrer Hartmut Lauterbach, St.-Mang-Kirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 11./12. Juli 2026
Zwei Wölfe
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ und „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Das schreibt Paulus an die Christen in Rom (Röm 12). Vor 2000 Jahren.
Gut, das auch heute wieder zu hören! Die meisten von uns wünschen sich ein friedliches Zusammenleben. Gerade dann, wenn es Streitigkeiten gibt. In der Familie, mit den Nachbarn oder Kolleginnen. Und manchmal ist der Wunsch, es dem anderen heimzuzahlen, mindestens genauso groß – und verständlich. Verletzte Gefühle, berechtigte Wut, wo soll das denn hin?
Zu Gott, sagt Paulus. Und er knüpft dabei an Jesus an, der uns auffordert, auch unsere Feinde zu lieben. Schwer! Aber nicht unmöglich.
Mich erinnert das an eine Weisheitsgeschichte: Eine alte Indianerin sitzt mit ihrer Enkelin am Lagerfeuer. Nach einer Weile sagt die Alte zu dem Mädchen: „Mir kommt es oft so vor, als kämpften in meinem Herzen zwei Wölfe. Einer ist rachsüchtig, aggressiv und boshaft. Der andere liebevoll, friedfertig und sanft.“ „Welcher wird den Kampf um dein Herz gewinnen?“, fragt das Kind. Die Ältere antwortet: „Der, den ich füttere.“
Wie stark, wenn es möglich ist, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt auszusteigen. Manchmal steht das nicht in unserer Macht. Den sanften Wolf in uns füttern können wir aber allemal – mit Gottes Hilfe. Wenn es uns allein zu schwer ist, können wir Gott bitten: „Ich schaffe es noch nicht. Tu du es für mich.“ – ein erster Schritt auf dem Weg zu einer friedlicheren Welt.
Pfarrerin Julia Cleve, Johanneskirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 27./28. Juni 2026