Wort zum Sonntag:

Mein Ohrwurm

Seit einigen Wochen habe ich einen Ohrwurm. Nicht immer, aber oft genug läuft das gleiche Lied in meinem Kopf in Dauerschleife. Wenn ich gerade das Gefühl habe, dass es endlich vorbei ist, fängt derselbe Song von vorne an: „Meine Hoffnung und meine Freude…“

Schon klar, es gibt noch ganz andere Songs mit Ohrwurm-Garantie. Mit den warmen Temperaturen geht vermutlich die Suche nach einem neuen Sommerhit bald los, der dann im Radio rauf und runter gespielt wird. Mein musikalischer Dauergast ist aber - vielleicht berufsbedingt - gerade ein Kirchenlied.

Was dagegen hilft? Konzentriert arbeiten und ablenken, habe ich gelesen. Mir hat es nicht geholfen. Völlig unvorbereitet trällert es immer wieder in meinem Kopf: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht…“

Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht - es gibt immerhin schlimmere Botschaften, als die von der Hoffnung und der Freude durch unseren Glauben an Christus. Es ist doch schön, wenn unser Leben eine zuversichtliche Melodie hat und wir nicht alles so ernst nehmen müssen. Ein wenig mehr Leichtigkeit schadet nicht.

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ (Ps 98,1) - so lautet der Wochenspruch für die kommende Zeit. Das klingt fast danach, als würde ich nächste Woche endlich einen neuen Ohrwurm geschenkt bekommen. Ich bin gespannt! Bis es so weit ist, summe ich aber gerne voller Hoffnung und Freude weiter… Stimmen Sie mit ein?

Pfarrer Tim Sonnemeyer, Christuskirche Kempten
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 2./3. Mai 2026

 

Die Freiheit eines Rasenmähroboters

Der Frühling klopft an und der letzte Schnee ist getaut. Es kann also im Garten wieder so richtig losgehen. Vorfreude wächst wie die Pflanzen hinterm Haus, aber auch ein Eingeständnis ist im Winter gereift: Die Rasenpflege hatte uns 2025 völlig übermannt. Und so wurde von mir ein Rasenmähroboter für diese Saison angeschafft: Garteln 5.0. Seither beobachte ich jeden Morgen, wie er Mo - Fr ab 9.30 Uhr Region 1 - 6 unseres Gartens akribisch abfährt und pflegt. Oft bin ich neidisch. Neidisch darauf, dass er weiß, was zu tun ist, dass er eine klare Aufgabe hat mit Anfang und Ende. Die großen Probleme der Welt - egal. Was zählt, ist seine kleine Welt und die kann er mit Allrad und großem Akku easy bewältigen. Tag ein und Tag aus.

Und bei diesem Nachdenken darüber merke ich, wie ich doch überhaupt nicht tauschen möchte. Jeden Tag das gleiche? Jeden Tag dieselbe Arbeit, derselbe Fleck Erde, die exakt gleiche Aufgabe bewältigen? Nein, danke!

In Psalm. 31,8 heißt es: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Für den Mähroboter muss das wie die Hölle auf Erden klingen. In mir weckt das hingegen Lebensmut, Kreativität, Lust am Leben. Klar ist, dass unsere Welt kompliziert ist. Klar ist auch, dass die einfache Antworten oft an der Realität scheitern müssen und die Dinge nie nur schwarz oder weiß sind.

Aber vielleicht macht gerade das unser Leben aus. Leben ist eben mehr als Region 1 - 6, Mo - Fr. In den weiten Raum hat Gott uns gestellt. Freiheit und Aufgabe gehen darin Hand in Hand. Aber würde ich es je anders wollen? Auf keinen Fall!

Pfarrer Jonas Hammerbacher, Markuskirche - Altusried
„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 18./19. April 2026

 

„Da musst du aber früh aufstehen!“

Wenn du nicht willst, dass ein junger Mensch kommt, dann sag: „Da musst du aber früh aufstehen!“ Das schreckt ab – es sei denn, es lohnt sich wirklich: Zur Osternacht kommen bei uns richtig viele Jugendliche obwohl sie um 5:30 Uhr beginnt und obwohl es ein Gottesdienst in der kalten Kirche ist, also eigentlich doppelt abschreckend. Warum stehen sie so früh auf? Es ist nicht das Osterfeuer. Es ist nicht die Band. Es ist nicht das besondere Licht. Es ist nicht das gemeinsame Osterfrühstück.

Der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann glaubt nicht an Gott. Einmal wurde er von Theologiestudierenden besucht. Sie wollten sich anbiedern. Eine von ihnen sagte: „Wir glauben natürlich auch nicht daran, dass Jesus auferstanden ist. Aber an Ostern erzählt man das eben so.“ Biermann entgegnete: „Alles Christliche hängt doch daran, dass Christus auferstanden ist. … Die Auferstehung ist die tiefste Wahrheit im Evangelium. Ostern ist die härteste Währung auf dem Markt der Hoffnungen.“

Wie schaut unsere Realität aus? Sie ist geprägt von Gewalt, Kriegen, Lieblosigkeit, Leid und Tod. Seien wir einmal realistisch: Das alles gibt uns gute Gründe zur Hoffnungslosigkeit. An Ostern wird uns dagegen „die härteste Währung auf dem Markt der Hoffnungen“ ausgezahlt. Wir feiern mit dem lebendigen Jesus in unserer Mitte. Er ist die neue Realität. Wir werden singen: „Hoffnung lebt! Er ist auferstanden. … Die Liebe siegt für alle Zeit!“

Jesus hat sich gegen die Finsternis dieser Welt gestellt. Jesus hat Lieblosigkeit, Leid und Tod besiegt. Dieses Hoffnungslicht geben wir in der dunklen Kirche weiter, bis die Kirche ein Lichtermeer ist. Wir feiern lebendige Hoffnung. Wir feiern die Hoffnungsgemeinschaft. Glücklich, wer daran glauben kann! Und am Ostermorgen in der Kirche gibt es viele glückliche Gesichter. Diese Hoffnung hängt am lebendigen Jesus: „Wenn aber Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch euer Glaube ist sinnlos. … Nun ist Christus aber vom Tod auferweckt worden, und zwar als Erster der Verstorbenen.“ (1. Korinther 15,14.20) Für diese feste Hoffnung lohnt es sich früh aufzustehen!

Pfarrrer Hartmut Babucke, Johanneskirche Kempten

„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 4./5./6. April 2026

 

Mut zum Aufbruch

„Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Ein Satz aus dem Evangelium nach Lukas (9,62), der nach vorne drängt. Wer pflügt, muss den Blick nach vorne richten. Sonst werden die Furchen krumm.

An diesem Sonntag ist der 8. März – der Internationale Frauentag. Entstanden ist er vor über hundert Jahren im Ringen um politische Teilhabe, um das Frauenwahlrecht und um menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Er erinnert daran: Rechte wurden nicht geschenkt, sie wurden erkämpft. Und Gleichberechtigung ist bis heute keine Selbstverständlichkeit. Weltweit kämpfen Frauen noch immer um Bildung, Schutz vor Gewalt, faire Bezahlung und echte Mitbestimmung.

Auch die Kirche kennt diese Geschichte. Die Evang.-Luth. Kirche in Bayern hat in diesen Tagen an 50 Jahre Frauenordination erinnert. Was heute selbstverständlich wirkt, war lange umstritten. Frauen spürten eine geistliche Berufung – doch sie durften nicht predigen, nicht taufen, nicht die Gemeinde leiten. Theologische Argumente wurden bemüht, Traditionen verteidigt, Ängste geschürt. Erst nach intensiven Auseinandersetzungen und gegen erhebliche Widerstände öffnete sich das Pfarramt und im Frühjahr 1976 konnte die erste Frau endlich ordiniert werden.

Wer die Hand an den Pflug legt, darf nicht zurückschauen. Entwicklung geschieht nicht im Rückzug auf alte Gewissheiten. Es braucht Menschen, die bereit sind, Neuland zu betreten – nicht aus Anpassung an den Zeitgeist, sondern aus der Überzeugung heraus, dass Gottes Zusage allen gilt. Dass Begabungen nicht nach Geschlecht verteilt sind. Und dass das Evangelium weiter ist als unsere vertrauten Bilder.

„Nicht zurückschauen“ heißt nicht, die Vergangenheit geringzuschätzen. Es heißt, sich nicht von ihr fesseln zu lassen. Kirche lebt davon, dass sie sich immer neu am Auftrag Jesu ausrichtet – und den Mut hat, daraus Konsequenzen zu ziehen, auch wenn sie unbequem sind.

„Okuli“ (Augen) heißt dieser Sonntag der Passionszeit und erinnert an Psalm 25: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“
An diesem 8. März heißt das: Dankbar auf das sehen, was gewachsen ist. Und aufmerksam bleiben für das, was noch wachsen muss.

Pfarrerin Andrea Krakau, St.-Mang-Kirche Kempten

„Wort zum Sonntag" in der Allgäuer Zeitung 7./8. März 2026