Wort zum Sonntag

Pfarrerin Julia Cleve
Bildrechte: Foto Sienz Kempten

Der Glaube der anderen

Zum Glauben gehören Zweifel. Zeiten, in denen man hinterfragt. Phasen, wo man nicht so sicher ist. Das ist normal, auch wenn es verunsichert. Ganz unterschiedliche Dinge können unseren Glauben an einen gütigen Gott auf die Probe stellen. Für manche ist es die Frage: Wo ist denn Gott in der gegenwärtigen Pandemie? Andere erleben schwere persönliche Krisen, die den Glauben ins Wanken bringen. Und manchmal stellt man auch einfach fest: So, wie ich bisher geglaubt habe, passt es nicht mehr. Weil sich das Leben beständig ändert, wächst und verändert sich auch die Art und Weise des Glaubens.

Glauben im christlichen Sinn kann man nicht für sich allein. Gerade wenn wir verunsichert sind, brauchen wir den Glauben der anderen. Der Verfasser des Hebräerbriefs in der Bibel ermutigt seine Leser, auch in krisenhaften Zeiten am Glauben festzuhalten. Dazu verwendet er ein eindrucksvolles Bild: „Wir sind von einer großen Menge von Zeugen wie von einer Wolke umgeben“ (Hebräerbrief, Kapitel 12, Vers 1).

Ich finde das ein sehr schönes Bild. Es zeigt mir: Die Kirche ist mehr, als wir sehen können. Sie ist auch eine unsichtbare Gemeinschaft von Menschen. Aus allen Epochen, Erdteilen und Konfessionen stehen Menschen um uns, die ihr Vertrauen auf Gott gesetzt haben. Durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens bezeugen sie: Es lohnt sich, am Glauben an Gott festzuhalten. Diese Glaubenszeugen können uns den Rücken stärken. Sie können unsere Zweifel mittragen und unseren Glauben beleben. Vielleicht spricht uns ein Psalmwort an oder wir erinnern uns an einen Ausspruch der verstorbenen Oma. Vielleicht begleitet uns ein Lied. Oder ein Gespräch auf der Straße macht uns Mut.

Denn um Mut und Hoffnung geht es im Glauben. Darum, mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Die täglichen Herausforderungen anzunehmen und dabei den Himmel im Blick zu behalten. Den Himmel mit einem Gott, der uns freundlich gesinnt ist. So hat Jesus ihn uns nahegebracht. Er lässt keinen hängen, der ihm vertraut. Auch wenn der Weg teilweise dunkel und unverständlich ist. Selbst Jesus hat sich am Kreuz Worte eines Glaubenszeugen aus dieser „Wolke“ geliehen, als er mit einem Psalmwort rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22, 2). Andere Menschen aus dieser Wolke bezeugen wenig später: „Jesus ist auferstanden. Wir haben erfahren, dass das wahr ist.“ Das Erleben dieser Kraft trägt und beflügelt Menschen seitdem.

Einer aus dieser „Wolke der Zeugen“ ist der evangelische Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. In seinem bekannten Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ besingt er die Sehnsucht, aufgehoben zu sein in der Gemeinschaft der Glaubenden. Er bittet Gott: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Ich wünsche uns, dass wir in diesen Lobgesang einstimmen können. Egal, wie zaghaft oder wie fest unsere Stimme ist. Ich wünsche uns, dass wir durch alle Lagen des Lebens festhalten können am Vertrauen zu

Ihre Pfarrerin Julia Cleve,
Pfarrerin an der Johanneskirche Kempten
(Wort zum Sonntag in der AZ 27./28. März 2021)

 

Weitere „Wort(e) zum Sonntag"  aus der Allgäuer Zeitung (ab März 2020) finden Sie hier.