Wort zum Sonntag

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Montagmorgen, Großstadt, kurz vor neun – Berufsverkehr. Nichts geht mehr vorwärts. Genervt stehen viele Menschen im hinteren Teil des Staus. Sie können nur ahnen, was die Vorderen sehen: Männer und Frauen haben sich auf die Straße geklebt. Sie blockieren den Verkehr. Sie wollen die Gesellschaft aus ihrem Alltag reißen. Sie wollen aufmerksam machen auf ein Thema, das sonst gerne verdrängt wird. Sie wollen gesehen werden.

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ - so die Jahreslosung 2023. Hagar spricht sie. Eine Frau und Sklavin, die sonst eher am Rand der Gesellschaft und der biblischen Geschichte steht. Nun rückt Hagar plötzlich in den Mittelpunkt. Sie erfüllt den unerfüllten Kinderwunsch von Sarah und Abraham. Und trotzdem wird Hagar von ihrer Herrin nicht wertgeschätzt, nicht gesehen. Umso dankbarer ist sie, als es Gott endlich tut. Er wendet sich ihr zu. Gott sieht Hagar mit ihrem Wunsch nach Anerkennung und ihrer Angst vor Zurückweisung.

Das Bedürfnis gesehen zu werden ist vielleicht eines der menschlichsten. Wir hoffen, dass unsere eigenen Wünsche und Ängste ernst genommen werden. Von Familie und Freunden, von der Politik.

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ So wie Gott Hagar sieht, so sieht er auch uns. Und wendet sich uns zu. In der immer noch andauernden Weihnachtszeit freuen wir uns darauf, dass Gott auf die Erde kommt. Dass Gott kommt und uns wahrnimmt, uns als Gegenüber sieht.

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Eine beruhigende Vorstellung. Vielleicht fällt es mit ihr leichter die Wünsche und Ängste der anderen zu sehen. Ihnen gilt der Satz ja genauso. Er gilt den Genervten im Stau und ebenso den Klimaaktivisten. Denn Gott sieht auch den anderen.

Er sieht ihn genauso wie mich. Im Alltag fällt es manchmal schwer den anderen im Blick zu behalten. Dann hilft es sich zu erinnern: Du bist ein Gott, der mich sieht – und meinen anderen ebenso.

Vikar Markus Böhm, Matthäuskirche Kempten

Allgäuer Zeitung, 14./15. Januar 2023