Wort zum Sonntag

„Du bist ein wunderbarer Mensch!“ - so beginnt die Geschichte Gottes mit jedem von uns.
Wie beginnt Ihre Geschichte, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen? Lächeln Sie sich an? Sind Sie später froh, Ihre wahre Miene unter der Maske verbergen zu können?

Wer bin ich? Ich finde keine Antwort. Und Sie?

Jesus erzählt dazu ein Gleichnis (Lukas 18,9-14): Ein Pharisäer, angesehen, tut alles dafür, ein rechtes Leben zu führen; ein Zolleintreiber, verachtet, tut für Geld alles.

Ein Guter und ein Schlechter? Auf den ersten Blick denken selbst die beiden so. Stolz dankt der Pharisäer Gott dafür, dass er so gut ist. Der Zöllner wagt nicht einmal den Blick zu heben und bittet um Erbarmen für sich Sünder.
Eigentlich nicht verkehrt?! Und trotzdem: Jesus sieht es anders: „Dieser (der Zöllner) ging befreit in sein Haus zurück, jener (der Pharisäer) nicht.“
Der Pharisäer beurteilt sich als großartig, aber auf Kosten anderer, indem er andere aburteilt – und da wird es verkehrt. Ich erlebe das – nicht nur – im Gefängnis: Menschen urteilen sich gegenseitig ab. „Gott sei Dank bin ich nicht wie jener. Ich habe ja nicht..."

Letztlich muss sich jeder den Brüchen des Lebens stellen. Wie der Zöllner. Er sieht sich – ohne Maske. Er ruft verzweifelt nach jemandem, der ihn barmherzig anschaut.
„Gott, sei mir Sünder gnädig!" Auch ich hoffe, dass über mich mehr zu sagen ist als das Offensichtliche, dass Gott uns alle nicht auf unsere Vergangenheit festlegt, sondern wir befreit weiterleben dürfen im Lichte Gottes und seiner Barmherzigkeit.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihre Annegret Pfirsch
Pfarrerin an der JVA Kempten

Wort zum Sonntag in der Allgäuer Zeitung, 21./22. August 2021
Weitere „Wort(e) zum Sonntag" finden Sie hier